Jenseits des Spiegels - das unvollkommene Ich

Willehadi Kirche, Auf der Horst in Garbsen

mit den Künstlern: Edin Bajrić, Shann Born-Kraeff, Pietro Nickl, Nigel Packham, Stefan Stettner, Sabine Thatje-Körber, Robert Titze, Assunta Verrone, Holle Voss

Wer oder was fasst am meisten meine/unsere Identität? Ein Spiegel, ein Foto, ein Porträt, die sozialen Medien, ein Freund, ein Partner, ein Biograph, oder das „Ich“ selber?

Und wann geschieht es am besten?

Die Zeit spielt auch eine wesentliche Rolle. Heilige durfte man in Ikonen malen nur am Höhepunkt ihrer Schönheit. Uns modernen Menschen scheint es, dass das Porträt des älteren Menschen aussagekräftiger über seine Identität ist, da es mehr Erlebtes darstellt als sein Bild als junger Mensch. Aber es ist nicht gesagt: ein Bild eines jüngeren Mensch stellt auch seine Offenheit, Hoffnungen und Träume dar.

Wenn die Abbildung vom Abgebildeten spricht, lügt sie immer, aber sie ist immerhin der Versuch, etwas Metaphysisches aufzufangen.

 

Beginnen wir mit dem Spiegel und der Kulturgeschichte dieses magischen Gegenstands, der die Eigenschaft besitzt, das Antlitz des Menschen zu verändern.

Agatha Christie denkt sich einen „Mord im Spiegel“ aus und Oscar Wilde entwirft eine neue Version des Mythos von Narziss, wo ein Spiegelbild sein Gespiegeltes auffrisst. Der Orient geht anders mit Spiegeln um, dort findet man sogar Heilige Spiegel.

Und vom Spiegel kommt man zum Selbstbildnis, beliebtes Genre für die Künstler jeder Epoche, das von sich selber erzählt, genau so wie über den Geschmack des Betrachters, dem man gefallen möchte.

Spiegelbild, Foto, was uns am objektivsten erscheint, gibt nur ein einseitiges Bild der Identität einer Person.

Und angenommen: wir können zu 100% uns selber nicht erkennen, kann unser Gegenüber uns auch nicht erkennen und vielleicht sind wir auch einfach „unvollkommene Wesen“, die nur in ihrer Spannung sie selber zu sein, darstellbar werden.

Das Unvollkommene in der Kunst kann allein die Phantasie beflügeln, sagte Leonardo da Vinci. Die Spannung zwischen unserer gelebten Unvollkommenheit und dem geahnten, gespürten Vollkommenen bleibt der Weg, um die Einbahnstraße des negativen Narzissmus zu überwinden.

 

 

„Wer bin ich?“ Ist eine grundlegende Frage der Philosophie und kann oft nur in Beziehung mit einem Du oder den Anderen analysiert werden. Man kann nicht von Familie, sozialem Umfeld, Zeit und Raum wo man lebt, abstrahieren. Und was für eine Identität hat eine Gemeinde, eine Kirche? Ist sie mit ihrer Geschichte identisch und prägt eine Gemeinde mehr ihre Geschichte oder der jetzige „geschichtslose“ Raum?

Alle diese Fragen werden die Künstler-Philosophen dieser Ausstellung behandeln und uns darüber Bilder liefern, um im Gespräch zu bleiben.

 

In Kooperation mit der Gemeide der Willehadi Kirche und gefördert durch die

Ort der verlorenen Dinge

nach dem Orlando Furioso von Ludovico Ariosto

Bürgersaal (angefragt)

Neuen Rathaus, Trammplatz 2, 30159 Hannover

zum 175. Jubiläum des Hannoverschen Künstlervereins

Vernissage. 6.06.18, Dauer: 6.-28.06.18

Mit den Künstlern:

1) Karin Bach (Deutschland)
2) Svetlana Bertram-Belash (Russland)
3) Shann Born-Kraeff (Indonesien, Türkei, Niederlande,Amerika,Deutschland)
4) Hartmut Brandt (Deutschland)
5) Yasemin Kekec (Türkei/Deutschland)
6) Irene Klaffke (Deutschland)

7) Addi Kremer (Deutschland)
8) Erika Ehlerding (Deutschland)
9) Petra Freese (Deutschland)

10) Ursula Jenss Sherif (Deutschland)

11) Carmen Repinski (Deutschland)
12) Rolf-Hermann Geller (Deutschland)
13) Galina Kapitan (Russland)

14) Marion Kerns-Röbbert (Deutschland)
15) Antje Hinze (Deutschland)
16) Pietro Nickl (England)
17) Ludmilla Sauerwein (Russland)

18) Barbara Sowa (Deutschland)
19) Hinrich Storch (Deutschland)
20) Birgit Schrader (Deutschland)
21) Robert Titze (Deutschland)
22) Sabine Thatje-Körber (Deutschland)

23) Sotirios Tsionis (Griechenland)

24) Stefan Stettner (Deutschland/Brasilien)

25) Elena Erhart-Villanueva (Perú)

26) Assunta Verrone (Italien)

27) Holle Voss (Deutschland)

„Der rasende Roland“ – „Orlando furioso“ (1516) von Ludovico Ariosto ist der Hauptinspirator der Ausstellung. Er hat schon so viele Kunstwerke angeregt (Giambattista Tiepolo, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Eugène Delacroix, Gustave Doré, Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel, Luca Ronconi, Italo Calvino u.a.).

Als er für eine Frau seinen Verstand verlor, fuhr sein Freund mit dem Hippogryph bis zum Mond (den Ort der verlorenen Dinge), um dort seinen Verstand unter den Tausenden von Menschen auf der Erde verlorenen Dingen zu suchen.

Und Menschen verlieren ständig nicht nur Dinge, sondern auch Worte, Werte, Tierspezies, Naturressourcen, Beziehungen, Träume.

Wir selber machen uns so oft auf die Reise in der stillen Absicht, etwas Verlorenes wieder zu finden. Wie hat denn der Mond für den Freund von Roland ausgeschaut? Unter so vielen unwichtigen Gegenständen suchte er etwas so Wertvolles wie den Verstand von Roland.
Und wie schaut ein Verstand aus? Der Verstand ist so schwer vorstellbar ...
Erinnerung ist viel mehr als eine Idee. Sie hat einen hohen Erkenntniswert, wirkt nicht rein therapeutisch auf unsere Seele: die Zeit still legen, eine Zeitlupe im Alltag einbauen – und gleich kommen alte Emotionen wieder.
Roland war nur das erste Opfer der Wirklichkeit in der neueren Literatur, dann kamen Hamlet und Don Quijote dazu. In der Kunst allein gibt es den Trost für einen anscheinend verlorenen Kampf, weil es in der Kunst nicht um Herrschaft geht, sondern um würdiges Scheitern.
Die Dimension der Zeit bleibt eine der grausamsten Wirklichkeiten, mit der sich der Mensch auseinandersetzen muss. Das Vergehen der Zeit hat eine zerstörerische Wirkung. Wenn man nichts tut, hinterlässt sie nur Friedhöfe, oder noch schlimmer: das Nichts.
In dieser Auseinandersetzung haben KünstlerInnen aber einen Vorteil: Kunstwerke sind Zeichen, die auch Anderen – den Betrachtern – Vorteile einräumen. KünstlerInnen können mit dem mechanischen Vergehen der Zeit ringen und Situationen, Dinge, Beziehungen vor dem Verschwinden, vor der Vergessenheit retten.
Worum geht es bei dieser Rettung? Geht es nur um die Form? Und leistet man damit nur Trauer-Arbeit, oder geht es um etwas Tieferes? Vielleicht geschieht doch viel mehr.

20 - 30 bildende KünstlerInnen vermitteln dem Betrachter ein reiches Spektrum von Beispielen, ein richtiges Inventarium, worin er etwas wiederfinden kann. Bildende Künstler sind auf ihre Weise Dichter, nur benützen sie Bilder statt Worten. Durch diese Dichtung gewinnen wir etwas Verlorenes wieder. Wir werden den Dingen und uns selber gerecht.